
Den Geschäften eines Kunsthändlers vom Stil Adolf Wüsters auf die Spuren zu kommen, ist nie einfach. Zumal, wenn es keinen Nachlass gibt - oder man diesen noch nicht gefunden hat. Diskretion gehört zu den wesentlichen Grundlagen des Geschäftserfolgs eines Kunsthändlers. Doch damit ist nicht auch zwangsläufig ein zurückhaltenes, bescheidenes Auftreten in der Öffentlichkeit verbunden.
Einen der ersten Hinweise darauf, wie Adolf Wüster in der Nachkriegszeit wahrgenommen wurde, fand ich im Nachlass Gurlitt.[1] Ein kleiner Ausschnitt aus einer nicht genannten Zeitung, ohne Datum, wohl Teil einer Glosse. Hildebrand Gurlitt hielt diese Zeilen offensichtlich für interessant genug, um sie dauerhaft in einem Aktenordner mit seiner Geschäftskorrenspondenz aufzubewahren. Gerade können wir dem Fragment noch entnehmen, dass es um Personen geht, die trotz einer Schuld aus den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft ihrer Strafe entgangen sind. Die Denunzianten der Scholls, der Präsident der deutschen Nietzsche-Gesellschaft Dr. Friedrich Würzbach und eben auch – hier ebenfalls mit Doktortitel - Adolf Wüster, der zwar die französischen Museen ausgeraubt habe, nun weiter große Geschäfte abschließt, mit amerikanischen Besatzungsbehörden kooperiert und mit einem Privatwagen durch München fährt. Und das in München, wo 90% der Innenstadt in Trümmern liegt.
Was hier so klingt, als ob es auf eigener Beobachtung beruhen würde, stammt allerdings aus dem Reisebericht des später hochdekorierten Mitglieds der Résistance Jean Hubert, der unter dem Titel „Journal d’un retour. Bavière 1946“ im Dezember desselben Jahres in der Zeitschrift Esprit veröffentlicht worden war. Hubert schildert darin anschaulich seine Erlebnisse und Beobachtungen während einer einwöchigen Reise durch Bayern, wobei sein Hauptaugenmerk auf der Frage liegt, wie die Bevölkerung die NS-Zeit verarbeitet – oder eben auch nicht.
Zu Adolf Wüster schreibt er:
„Tiens, tu te rappelles de ce Dr. Wüster dont les journaux ont parlé à Paris à propos de Rosenberg qui a pillé les musées français et les collections privées pour Göring et Hitler? Wüster était le rabatteur de Rosenberg. Arrêté? Point du tout. Il fait la bombe dans sa propriété auch Chiemgau, roule en voiture, traite les plus grandes affaires et, ce qui est le comble, s’est infiltré comme conseiller au Collectingpoint où on rassemble les oeuvres d’art pillées par les nazis…”[2]
Deutlich ist seine Entrüstung darüber zu spüren, dass einer, der den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) auf jüdische Kunstsammlungen aufmerksam gemacht hat (oder haben soll), nun auf großem Fuße im Chiemgau lebt, mit einem PKW durch die Gegend fährt und weiter dicke Geschäfte macht. Der Gipfel ist für Hubert allerdings der Umstand, dass Wüster sich nun als Berater im Central Collecting Point (CCP) eingeschlichen habe, wo das Raubgut der Nazis zusammengetragen worden sei.
Und in der Tat: Auch mich beschäftigt sehr, dass es so aussieht, als ob Adolf Wüster nach seiner Flucht aus Frankreich in Deutschland wohl nahtlos weiter seiner Geschäftstätigkeit nachgehen konnte. So als ob nichts gewesen wäre. Weitgehend unbehelligt von den amerikanischen Besatzungsbehörden. Wie wir noch sehen werden, war es nicht ganz so. Aber die Tatsache, dass er sich 1946 ein Auto leisten kann, wo die Bevölkerung um ihn herum hungert, spricht doch sehr dafür. Um der Frage zuvorzukommen: Nein, er hatte das Auto nicht aus Frankreich mitgebracht. Und auch seine Unterkunft war nicht das, wonach es aussah. Das wirklich beeindruckende Bonnschlössl gehörte a) seiner ersten Ehefrau, war b) zu dieser Zeit schon lange ein Kinder(ferien)heim, wenn es c) 1946 nicht noch von alliierten Soldaten( zumindest teilweise) belegt war. Interessant ist aber tatsächlich die Frage, welchen Deal er mit den alliierten Kunstschützern gemacht hatte, sodass er allem Anschein nach einer Anklage entkommen konnte und auch nicht nach Frankreich ausgeliefert wurde.
[1] BArch N 1826/184, f. 379, Geschäftskorrespondenz 1945-1948 im Nachlass Gurlitt
[2] Hubert, Jean: Journal d’un retour. Bavière 1946. In: Esprit, 15. Jg., Nr. 128, Dezember 1946. Zur Person > Erlande-Brandenburg Alain: Jean Hubert
(1902-1994). In: Bibliothèque de l'école des chartes. 1995, tome 153, livraison 2. pp. 583-588.

Heutiger Standort: Von der Heydt-Museum, Inventarnummer: G 0215 b
Erwerbungsgeschichte: [...]-14.12.1949: Adolf Wüster (1888-1972), München | 14.12.1949-heute: Städtisches Museum; seit 1961: Von der Heydt-Museum, Wuppertal; Ankauf mit einer Spende der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG, Wuppertal, von Adolf Wüster, München (Stand: 23.06.2023) [1]
Auch nach dem Krieg macht Adolf Wüster weiterhin Geschäfte in Wuppertal. Noch immer war Dr. Victor Dircksen, seit 1929 Direktor des Städtischen Museums Elberfeld und der Ruhmeshalle in Barmen, im Amt. Er und Adolf Wüster kannten sich seit Jahrzehnten, was sicher dazu beigetragen hat, dass dieses Gemälde 1949 von Wüster erworben wurde.
Ohnehin waren die Verbindungen Wüsters zur Stadt Wuppertal nie abgerissen. In einem privaten Brief nennt er so etwa einen "Schniewind in Wuppertal". Wahrscheinlich ein Mitglied der Wuppertaler Industriellenfamilie und Mitinhaber der "Seidenweberei H. E. Schniewind". Ich vermute, dass es sich dabei um Wilhelm (Willy) Schniewind handelt (1890-1978). Seine zweite Ehefrau Franziska (Fanny), war die Schwester von Anna Elisabeth Henkell, der Frau Joachim von Ribbentrops, was eine Verbindung zu Adolf Wüster naheliegend erscheinen lässt. [2] Ob Willy Schniewind einen Einfluss auf die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken hatte, konnte ich bisher nicht ermitteln.
Sicher ist jedoch, dass das Ehepaar Schniewind eine ausgesprochen vielfältige Kunstsammlung besaß und zu den Protaganonisten der rheinischen Kunstszene gehörte. [3] Ein weiterer Grund für die Annahme, dass sie auch eine Beziehung zu Adolf Wüster unterhielten.
[1] Aus der digitalen Sammlung des Von der Heydt-Museums > https://sammlung.von-der-heydt-museum.de/Details/Index/1739
{2] ancestry: Eintrag zu Franziska Henkell/Schniewind > https://t1p.de/ershq
[3] Museum-Digital Deutschland > https://nat.museum-digital.de/object/1360106?navlang=de [11/25]
Im Januar 1950 schreibt Adolf Wüster an Hildebrand Gurlitt, dass es "unseren Freunden [...] allen wieder recht gut [geht], was einen freut zu hören - es besteht auch keinerlei Animositaet mehr, also werden wir bald wieder naeheren Connex haben."[1] Wüster pflegt also weiter seine Kontakte in Frankreich und es darf vermutet werden, dass er beabsichtigte, diese auch alsbald möglich wieder geschäftlich für sich nutzbar zu machen. Eine seiner Hauptinformationsquellen dürfte dabei sein alter Freund André Schoeller gewesen sein. Zu diesem muss der Kontakt weiter recht intensiv gewesen sein, denn irgendwann um 1950 herum, heiratet seine Stieftochter Helene den etwa 40 Jahre älteren André Schoeller.
[1] Wüster an Hildebrand Gurlitt, 18.1.1950, BArch K N1826/43, f.495, zit. n. Gramlich, Johannes: Hildebrand Gurlitt auf dem französischen Kunstmarkt: Handel und Bürokratie. In: Baresel-Brand, Andrea u.a.: Kunstfund Gurlitt. Wege der Forschung. Berlin/Boston 2020, S. 52f

Paul Gauguin: La Petite Schuffenecker (Jeanne Schuffenecker avec son chat)
Öl auf Leinwand, 67 x 56 cm, erste Hälfte 1889, Signiert unten rechts: P Go/
Provenienz
·
Ausstellung 1965: Berlin, Haus am Waldsee, Der Japonismus in der Malerei und Graphik des 19. Jahrhunderts, September 26–Oktober 31, 1965, no. 38, p. 46 (color ill. p. 33, as "Tochter des Malers Schuffenecker") (Leihgeber: Privatsammlung Köln) [1]
[1] Alle Angaben stammen aus dem Gauguin Catalogue Raisonné of the Paintings 1889–1903 des Wildenstein Plattner Institutes [20.11.25]
1950 erwirbt Hermann Abels bei Adolf Wüster dieses Gemälde Gauguins. Die langjährigen Geschäftsbeziehungen wurden also auch nach dem Krieg weiter fortgesetzt.
Das Gemälde soll Adolf Wüster bereits 1937 bei Schöller erworben haben. Allerdings taucht es in keiner der Auslagerungslisten auf, die er nach dem Krieg den Allierten übergeben hatte. Es ist also
nicht auf eine Weise nach Deutschland verbracht worden, die Niederschlag in irgendwelchen Akten fand. Das wirft Fragen nach seinem Aufbewahrungsort in den Jahren zwischen 1937 und 1950 auf. Hatte
er es vielleicht schon vor Ende des Krieges nach Deutschland verbracht? Oder befand es sich über das Ende der deutschen Besatzung hinweg weiterhin in Paris. Etwa bei seiner Stieftochter, die ja
mit André Schöller verheiratet war? Oder bei der Mutter Nadines, die zumindest in den ersten Nachkriegsjahren noch in Paris wohnte? Oder bei jemand anderen aus seinem Pariser Netzwerk?
Zugleich stellt auch diese Gemälde einen Beleg dafür dar, dass es schwierig bis unmöglich ist, zwischen dem Kunsthändler und dem Kunstsammler Adolf Wüster zu unterscheiden. Ich werde wohl oder übel die Struktur dieser Website überarbeiten müssen, um diesen Umstand zu berücksichtigen.
Natürlich recherchiere auch ich regelmäßig auf den Seiten von German Sales. Seit nicht allzu langer Zeit gehört zu den höchst nützlichen Inhalten dieses Angebots der Heidelberger Universitätsbibliothek eine Aufschlüsselung der Annotationen in einigen der digitalisierten Auktionskataloge. Bislang hat mir persönlich das weniger geholfen. Doch im September 2025 stellte Johanne Lisewski (Provenienzforscherin bei der Buchheim-Stiftung) auf der Basis von Geschäftsunterlagen des Ehepaars Buchheim die Aufschlüsselung der Einlieferer-Kürzel zur Auktion des Frankfurter Kunsthauses am 21./22. 04. 1950 dort ein. Als Besitzer „(10) od“ wird dort ein „Wüster“ genannt. Es ist nicht 100%ig sicher, dass es sich dabei um Adolf Wüster handelt, doch die von „Wüster“ eingelieferten Kunstwerke lassen in ihrer Spezifik es doch als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass es sich dabei um Adolf handelt. Allem Anschein nach begann er also spätestens 1949/50 wieder in den Kunsthandel einzusteigen
Im Frankfurter Kunsthaus bot er die unten aufgeführten Werke an. Das Highlight war die Bleistiftzeichnung "Milan" (22,5 x 34 cm) von Jean Dominique Ingres, das mit 3.500 DM aufgerufen wurde. Bedenkt man, dass der durchschnittliche Bruttojahresverdienst 1950 laut Statistischem Bundesamt etwa 1.800 DM betrug, also kein geringer Betrag.
In der Auktion 859 wird mit der Los-Nummer 722 bei Lempertz folgendes Gemälde aufgerufen:
"Achille-Émile-Othon Friesz (1878-1949)
Dorfpartie mit Kirche
Öl auf Karton, mit Leinwand doubliert 46 x 38 cm Unten rechts mit verblaßter, kaum noch lesbarer Signatur
Provenienz:
Süddeutscher Privatbesitz, 1968/69 erworben durch Vermittlung des Künstlers Adolf Wuester (Wuppertal 1888 - 1972 München)"[1]
Zur Beachtung: Am 30.12. 1968 feierte Adolf Wüster seinen 80. Geburtstag
Frage: Welcher Privatbesitzer erwarb das Gemälde von wem?
[1] Auktionskatalog Lempertz, Nr. 859, Köln o.D., Lot 722, Ergebnis: 2.499 €